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“Nichtdeutsche” in der Kriminalitätsstatistik 2009

Auch wenn ich weiß, dass ich mich mit diesem Post auf ein schwieriges Feld bewege, möchte ich doch ein paar Worte zum Thema Migranten und Kriminalität verlieren.

Im Zuge der ganzen Diskussion um unsere Mitbürger mit Migrationshintergrund scheint es mir sinnvoll, sich einmal mit nüchternen Zahlen auseinanderzusetzen. Eins vorweg: Ich bin nicht der Überzeugung, dass es einen ursächlichen Zusammenhang zwischen der Ethnie einer Person und der (statistischen) Anzahl von Straftaten gibt, die ein Mensch in seinem Leben verübt. Allerdings ist es unübersehbar, dass der Anteil (gerade jugendlicher) Strafverdächtiger mit Migrationshintergrund gegenüber Deutschen relativ hoch ist. 2009 waren 29,2 % der Straftatverdächtigen in Deutschland “Nichtdeutsche” (ohne Straftaten, die nur von Ausländern begangen werden können; siehe Polizeiliche Kriminalstatistik 2009, S. 110). Demgegenüber ist der Anteil ausländischer, in Deutschland lebender Mitbürger relativ gering (2009: 8,7 %; siehe Ausländerzahlen 2009 des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge, S. 7).

Nimmt man die Zahlen so, wie sie uns in den offiziellen Publikationen des Bundes dargestellt werden, sieht es so aus, als heiße “Ausländer” auch gleich “Krimineller”. Dieser Schluss ist allerdings nicht zulässig, da es sich bei den Statistiken des Bundeskriminalamts lediglich um Korrelationen ohne jeglichen Anspruch auf einen ursächlichen Zusammenhang handelt.

Für mich stellt sich hier die Frage, warum das BKA hier nur wenige Korrelationen anstellt: nach Geschlecht, Alter und nach Nationalität sowie Wohnsitz. Aber:

  • Wie sieht es mit der Wohnsituation aus?
  • Welche Täter kommen aus sog. “benachteiligten Quartieren”?
  • Welcher sozialen Schicht / Lage / Milieu gehören die Verdächtigen an?
  • Warum werden überhaupt Tatverdächtige erfasst und nicht Täter? Ich will ja niemandem etwas unterstellen, aber diese Zahlen könnten durch Vorurteile verfälscht sein.
  • Wird nicht durch den großen Teil “Kriminalität und Ausländer” für einen breiten Teil der Öffentlichkeit erst dieser Zusammenhang bestätigt und gängige Klischees bedient?

Meine Vermutung: Der Zusammenhang heißt nicht Ausländer = Krimineller, sondern die Entwicklung von Kriminalität hängt mit den Lebensumständen der Mitbürger mit Migrationshintergrund zusammen. Leider konnte ich zu diesem Thema keine aktuellen Zahlen finden. Also stütze ich mich auf die Ergebnisse des Robert Koch Instituts aus dem Jahr 2005 (Zahlen stammen aus 2001):

Etwa jeder zweite Migrantenhaushalt, aber nur jeder dritte Haushalt ohne Migrationshintergrund ist dem unteren Einkommensbereich (untere 40 % der Einkommen) zuzuordnen. Lediglich Paarhaushalte ohne Kinder befinden sich in einer günstigeren Einkommenssituation, insbesondere binationale Haushalte mit einem deutschen Haushaltsvorstand. Diese Einkommensnachteile spiegeln sich in einer stärkeren Abhängigkeit vom Sozialhilfebezug nieder: Ende des Jahres 2001 bezogen 12,5 % der nicht-deutschen Bevölkerung laufende Hilfe zum Lebensunterhalt (außerhalb von Einrichtungen) bzw. Regelleistungen nach Asylbewerberleistungsgesetz. In der deutschen Bevölkerung lag die Sozialhilfequote bei 2,8 % (Bartelheimer 2004).

Quelle: Lampert, Thomas / Ziese, Thomas: Armut, soziale Ungleichheit und Gesundheit. Expertise zum 2. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, S. 195.

Es besteht also ein Zusammenhang zwischen Ausländern und Straftaten und einer in ähnlicher Höhe zwischen Ausländern und Armut. Was für ein Zufall! Jetzt wäre es interessant, eine Kriminalitätsstatistik aufgeschlüsselt nach sozialen Schichten zu sehen… Natürlich gibt es zu dem Thema theoretische Befunde (beispielsweise bei Ludwig-Mayerhofer 2000), empirische Nachweise sind allerdings Mangelware.

Mein Fazit:

Bevor man voreilige Schlüsse über Zusammenhänge zieht, sollte man sich über die gesamte Bandbreite des Themas und die Hintergründe informieren. Meines Erachtens liegt die Quelle allen Übels in der Lebenssituation der Menschen und hat nichts mit der Nationalität der Einzelnen zu tun. Es handelt sich um ein gesellschaftliches Phänomen, dem auch auf dieser Ebene begegnet werden muss und sollte.

Ach und übrigens, noch eine interessante Zahl: Die meisten Ausländer in Deutschland kommen nicht aus der Türkei (24,8%), sondern aus Mitgliedsstaaten der Europäischen Union (insges. 35,4%). Siehe Ausländerzahlen 2009 des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge, S. 11 f.

Interessante weiterführende Links:

Was ist eigentlich „bürgerlich“?

In der Sozialwissenschaft ist das relativ klar umrissen.

In Milieustudien wird anhand des sozioökonomischen Status‘ ein Milieu festgelegt, in das sich die Bürger z. B. eines Landes einordnen lassen. Es gibt hier das „Kleinbürgerliche Milieu“, welches mit 14% der Befragten im Jahre 1998 eins der größten Cluster war. Ich würde allerdings zum „Bürgerlichen“, wie es die Parteien wahrscheinlich meinen noch das Aufstiegsorientierte Milieu (18%) und das moderne bürgerliche Milieu zählen.

Wenn es dann um FDP-Fragen geht vielleicht auch noch das konservativ-technokratische (10%).

Die Milieuzuordnung wird anhand von Einstellungen und materiellen Ressourcen entwickelt. Man natürlich drüber streiten, ob das ne „richtige“ Zuordnung ist, aber dieser Ansatz erklärt erstmal den Begriff des „Bürgerlichen“.

Die Zahlen stammen aus Korte/Schäfers 2002: Einführung in die Hauptbegriffe der Soziologie. Es gibt sicher neuere aber zur Darstellung des Sachverhalts sind diese wohl ausreichend. Neuere Zahlen publiziert das Sinus-Institut in regelmäßigen Abständen: sinus-institut.de


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